Die Säulen des Gebets mit Sorgfalt ausführen (ta’dil al-arkan)

14. Oktober 2022

18. Rabi al-Awwal 1444

Verehrte Muslime,

in unserer heutigen Hutbe geht es um ta’dil al-arkan, um die sorgfältige Ausführung der Säulen (rukn) des rituellen Gebets.

Das rituelle Gebet ist eine bedeutsame Ibadet, die wir fünfmal täglich verrichten müssen. Daher muss es zweifellos auf die beste Art und Weise geschehen. Jede Voraussetzung vor dem Gebet nennt man Bedingung (schart) und jedes Pflichtbestandteil innerhalb des Gebets nennt man Säule (rukn). Diese Säulen ordnungsgemäß mit Sorgfalt auszuführen, bezeichnet man ta’dil al-arkan.

Die Begrifflichkeit ta’dil al-arkan setzt sich zusammen aus den Wörtern ta’dil, das wörtlich „begradigen, gerade machen, gerecht machen, verbessern" bedeutet, und dem Plural von rukn, das „wesentliches Element, Stützpfeiler, Grundlage" bedeutet. In der Fiqh-Terminologie bezieht sie sich auf die sorgfältige und behutsame Ausführung der Säulen (rukn) des rituellen Gebets wie Qiyam (Stehen), Ruku (Verbeugung) und Sedschde (Niederwerfung), ohne Eile walten zu lassen.

Man sollte das Gebet so verrichten, dass die einzelnen Säulen nicht ineinander übergehen, sondern dass man sie voneinander unterscheiden kann. Zum Beispiel sollte der Körper nach dem Aufrichten aus dem Ruku zum Qiyam aufrecht sein und zur Ruhe kommen. Dabei sollte man so lange verweilen, bis man mindestens einmal „Subhanellah” sagen kann. Erst danach sollte man die Sedschde vollziehen. Auch zwischen den beiden Sedschdes sollte man so lange sitzen bleiben, wie man ein Tesbih (Lobpreisung) wie bereits genannt aussprechen könnte.

Es besteht die Gefahr, dass ein Gebet ohne ta’dil al-arkan nicht angenommen wird. Denn gemäß Imam Ebu Yusuf ist die sorgfältige Ausführung der Säulen des rituellen Gebets selbst eine rukn und daher farz (Pflicht). Gemäß Imam Azam und Imam Muhammed ist sie jedoch wadschib (notwendig).

Gemäß der Gelehrten, die ta’dil al-arkan als Farz-Verpflichtung erachten, führt deren Vernachlässigung zur Ungültigkeit des Gebets und muss daher unter Beachtung des ta’dil al-arkan wiederholt werden.   Gemäß der Gelehrten, die sie für eine Wadschib-Verpflichtung erachten, zieht deren unabsichtliche Vernachlässigung eine Sedschde des Versehens (sahw) nach sich. Die absichtliche Auslassung aber führt zur Ungültigkeit des Gebets und muss daher nachgeholt werden. Außerdem sollte man Allah Te’ala um Vergebung bitten.

Ein rituelles Gebet (salah), das nach den Regeln des ta’dil al-arkan verrichtet wird trägt zur huschu’  und zum Heil des Betenden bei. Huschu’ bedeutet Demut, Ehrfucht, Bescheidenheit.  Allah, der Allmächtige, sagt: „Wahrlich, erfolgreich sind die Gläubigen, die in ihrem Gebet demütig (haschi’un) sind.” (Sure al-Mu’minun, 23:1-2)

Ein Gebet ohne Einhaltung des ta’dil al-arkan entbindet den Betenden nicht von der Verantwortung. Einst sagte unser Prophet (s.a.w.): „Der schlimmste Mensch in Bezug auf Diebstahl ist derjenige, der von seinem rituellen Gebet stiehlt.” (Die ehrenvolen Sahaba) sagten: „O Rasulallah, wie kann jemand von seinem Gebet stehlen?” Daraufhin sagte er: „In dem er sein Ruku und seine Sedsche nicht vollständig ausführt.” (Ahmed b. Hanbel, Musnad, 22642)

In einem von Ebu Hureyre überlieferten Hadis Scherif wird diese Tatsache ausführlich erklärt. Ein Mann kam nach dem Ende seines Gebets in der Moschee zum Propheten (s.a.w.) und grüßte ihn. Unser Prophet forderte ihn auf, sein Gebet zu wiederholen. Als dieser Vorfall sich dreimal nacheinader wiederholte, sagte der Mann: „Bei dem, der dich mit Wahrheit gesandt hat, ich kann es nicht besser. Lehre mich! Daraufhin sagte der Prophet: „Wenn du zum Gebet aufstehst, so sprich den Tekbir, rezitiere aus dem Kur’an, was dir leicht fällt. Danach gehe in die Ruku-Stellung bis (dein Körper) in Ruku zur Ruhe kommt. Dann erhebe dich (und verweile) bis (dein Körper) im Stehen zur Ruhe kommt. Danach gehe in die Sedschde (und verweile) bis (dein Körper) in Sedschde zur Ruhe kommt. Dann richte dich auf (und verweile) im Sitzen bis (dein Körper) zur Ruhe kommt. Dann gehe in die Sedschde bis (dein Körper) in Sedschde zur Ruhe kommt. So vollziehe das Gleiche während deines gesamten Gebets.” (Buchari, Ezan, 95/757)

Liebe Muslime, wenn es um weltliche Angelegenheiten geht, sind manche in dieser vergänglichen Welt, die wir redensartlich als „dreitage Welt” bezeichnen, sehr pedantisch. Diese Ibadet hingegen, die uns das ewige Paradies verspricht, zu beschwichtigen, kann nur aus tiefer Nachlässigkeit und Unwissenheit (gaflet) herrühren.